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Radio (und der G-Punkt der Medienfrauen)

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Ich liebe das Radio – besonders die wortlastigen Sender abseits von Charts- und Dudelfunk-Stationen. Anders als bei den Streaming- und Podcast-Anbietern wird man überrascht, verärgert und informiert. Mit Begeisterung und Staunen höre ich Berichte über die Abwasserbeseitigung im mittelalterlichen Köln, über (leider gerade nicht sichtbare) Sternbilder und die bizarre Lebensgeschichte ihrer Entdecker, und verfolge zivilisierte Streitgespräche über Brexit und die Währungspolitik pazifischer Inselstaaten. Und nicht zu vergessen – all die Hörspiele und Klangexperimente, vom »Radio-Tatort« bis zu einer Ton-Collage zur Bauhaus-Geschichte oder einem Feature über »Derrick« (inklusive Fernsehkritik von Helmut Kohl im Originalton).

Aber alter Schwede: die Sprecher! Früher einmal gab es beim Rundfunk die Redakteure, Autoren und Journalisten, und es gab die Sprecher – also Leute, die dafür ausgebildet waren, Texte vorzutragen und die wußten, was sie da tun. Heute liest jeder Mitarbeiter seine Texte selbst, und erweckt den unmißverständlichen Eindruck, daß er eben nicht weiß, was er da tut.

Es wird grundsätzlich (und permanent) falsch betont (»Die Kanzlerin HIELT im BundesTAG ihre HausHALTSrede…« usw. usf.) und mit irrsinnigen Sprachmelodien gesäuselt in einem gerade mal Kita-geeigneten Duktus. Wenn dann zum Beispiel die Probleme des Gesundheitssystems analysiert werden, mit sonorer Bärchen-Stimme und in einem sinnfrei schunkelndem, an- und absteigendem Singsang, dann entsteht bei mir unweigerlich das Bild eines öffentlich-rechtlichen Radiostudios mit zufrieden bekifften Redakteuren wie in einem Cheech & Chong-Film.

Und werden die Radioleute dann doch mal mit der Realität konfrontiert, dann antworten ihnen Leute, die offenbar nie gelernt haben, sich zu artikulieren. Wohlgemerkt: ich rede hier nicht von den gängigen Straßenbefragungen – sondern von sorgfältig vorbereiteten und aufgezeichneten Interviews. Jeden Tag – wirklich jeden Tag! – hört man Pressesprecher, Wissenschaftler oder Kuratorinnen, die ihre großspurig begonnenen Antworten urplötzlich beenden mit »…ja … keine Ahnung!« oder »…und außerdem… : genau!«. Haben die in der Schule nie Referate gehalten? Oder im Studium mal frei gesprochen? Speziell das bei uns auch »G-Punkt« genannte, immer mit Bestimmtheit gesprochene »Genau!!« scheint bei Medienfrauen und Start-Up-Gründern der aktuelle Standard-Ersatz zu sein für Formulierungen wie »…ich habe jetzt leider den Faden verloren.«, »ist mir eigentlich auch egal…« oder »keine Ahnung!«. Man könnte irre werden.

Vielleicht sollte der Rundfunk-Redakteur oder die aufstrebende Journalistin die Befragten vor einem Interview einfach regelmäßig ermahnen, doch bitte in vollständigen Sätzen zu antworten. Der geneigte Hörer würde es zu schätzen wissen. Wie Karl Kraus vor fast 100 Jahren schrieb: »Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.«

 

Über fatimaxberg

Ich lebe, arbeite und vergnüge mich in Berlin. Ich mag Hijab und Jeans, enge Korsetts und weite Röcke, High Heels und Sneakers, und verbringe eine Menge Zeit damit, mich an- und auszuziehen.

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