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Archiv der Kategorie: Harem Lounge

Fatima liest (mal wieder)

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Fatima liest (mal wieder)

Gabriele Tergit
Effingers
904 Seiten, Büchergilde Gutenberg

Gabriele Teigt war im Berlin der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts Journalistin und Gerichtsreporterin, und ihr erster Roman »Käsebier erobert den Kurfürstendamm« (1931) ist ein flottes und lebendiges Bild der damaligen Presse, Nightlife- und Entertainment-Szene – fast so etwas wie ein etwas optimistischeres Gegenstück zu Erich Kästners »Fabian«. Direkt danach begann sie die Arbeit an »Effingers«, der Chronik einiger Berliner Familien aus dem preußisch-jüdischen Akademiker- und Fabrikanten-Milieu über vier Generationen, und wieder werden mit viel Lokalkolorit die Schicksale, Lebensentwürfe und Karrieren von Menschen geschildert, die versuchen einigermaßen anständig durchs Leben zu kommen – wobei aber jeder irgendwann erfahren muß, daß er doch nur ein Spielball der Zeitläufe und historischen Entwicklungen ist.

Das alles wird aber erstaunlich modern erzählt – der Roman erschien schließlich 1951 – in meist kurzen, schlaglichtartigen Szenen und Momentaufnahmen, ergänzt durch Briefe, Tagebuch-Einträge oder Reisebeschreibungen, und stellenweise wirkt das mit den mehrfach verflochtenen Handlungssträngen und Perspektivwechseln tatsächlich wie eine Netflix-Mini-Serie. Beeindruckend aber ist bei aller zurückhaltender Nüchternheit vor allem die Schilderung des sich wandelnden Umgangs der Menschen miteinander, und später, der sich harmlos heranschleichenden politischen Veränderungen. Verblüffend besonders wenn man bedenkt, daß die Ereignisse der Dreissiger und Vierziger Jahre praktisch von einer Zeitzeugin notiert werden. Und neben den faszinierend detaillierten Beschreibungen der Moden, Wohnungseinrichtungen und beruflichen Verhältnisse gibt es immer wieder Details und Nebenhandlungen, die man aus dem heutigen Leben wiederzuerkennen glaubt: vom dreisten Börsenschwindel über die Quotenfrau in der Behörden-Hierarchie bis zum smarten Manager, der den altgedienten Firmengründer ablöst.

Aber nicht zuletzt ist dieser Wälzer von einem Roman eine historisch präzise, dabei unterhaltsame und erhellende Schilderung des bürgerlichen Preußentums, der verschiedenen Facetten des jüdischen Lebens in Deutschland, und eine zu Herzen gehende Hommage an die Stadt Berlin und die Berliner.

»Die Tiergartenstraße {im Mai des Jahres 1948} war wenig befahren. Nicht mehr jagten die Pferde entlang wie im Jahre 1886, nicht mehr rollten die Autos wie im Jahre 1913. Nicht mehr grüßten sich die Leute am Sonntagvormittag, denn es gab kaum mehr Leute in diesem ganzen Viertel. Es war wieder still in der Tiergartenstraße geworden wie 1886. Die meisten Leute waren zerstreut in alle Richtungen der Windrose, oder sie lagen unter den Trümmern, und soweit sie Juden waren, waren sie angesiedelt worden für die Ewigkeit.«

(Unten:) Die Umschlag-Illustration der Büchergilde-Ausgabe von Joe Villion:

She’s Reading Again: More About Mahavishnu

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She’s Reading Again: More About Mahavishnu

Echoes From Then
Glimpses Of John McLaughlin 1959-75
by Colin Harper
Market Square 2017

Years ago there was a band in Berlin who showed up in unexpected places as support, or played small clubs. The five-piece was called The Paul Breitner Trio (of course) and they used to play slightly left-field cover versions – a note-for-note acapella „Bohemian Rhapsody“, or a raspily growling Tom Waits-take on „Bridge Over Troubled Water“. And they had a jazz-rock/fusion spot in their show: they would play a popular melody (say, „Egyptian Reggae“ or „Winds Of Change“) in unison – and really fast – and then take extended surrealistic solos each, while the others tried to find out in how many different time signatures you could play and still get to the chorus in time. They sounded exactly like the Mahavishnu Orchestra.

Echoes From Then is a companion book to Harper’s John McLaughlin biography from 2014, Bathed In Lightning. It presents additional chapters, interviews and research, loosely divided in two sections: one on the early sixties London music scene, and the other with detailed accounts on the Mahavishnu Orchestra(s) in the studio, at home and on tour, plus much more – discographies, gig listings, music press clippings, etc. It seems one of these music books that you dip into for a few pages from time to time, but it’s a fantastic read!

You get a lively peek into the tedious and (at the same time) fast-moving blues/jazz/cabaret scene in the UK with Graham Bond, Georgie Fame, Duffy Power and assorted Shadows, and while the author’s discussions about certain dates border on the obsessive, you learn something new on every page – how BBC sessions worked, the real names of Ginger Baker and John Paul Jones, and what an „A ball“ gig is (I’m not going to tell you…).

The accounts from musicians and tour personnel on touring in the early seventies are worth a separate book, heartwarming and hilarious at the same time. We learn about traveling with a jet plane full of equipment (and Wishbone Ash) through pre-punk Europe, love affairs in the guru’s headquarters, and a 19-year old violin player buying white (!) platform (!!) overknee (!!!) boots as stage wear. And I have to confess: I hope I’ll never get into a situation where I have to listen to the Mahavishnu Orchestra II (I have the great „Columbia Albums“ box of the first MO, thank you very much).

400plus pages of small print, peppered with footnotes and acknowledgements, illustrated with probably hundreds of small ads from Melody Maker may not be everybody’s (scented) cup of tea, but I read it from cover to cover and had a splendid time. And I’ve even returned to it since, when listening to albums or reissued live gigs from the likes of Ian Carr, John Surman and the mighty Gunther Hampel. Speaking of German jazzers, here’s a rare poster from my vaults:

Two questions remain though: Where the hell was Lou Reed?? And where the hell are the Paul Breitner Trio?

 

Bücher des Jahres

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Bücher des Jahres

Eine der angenehmsten Überraschungen des letzten Jahres war die deutsche Veröffentlichung der »Lady Killer«-Bände bei Dark Horse/Panini. Die Geschichten um die »Hausfrau, Mutter und Auftragskillerin« im Amerika der 50er Jahre wurde von der »Helheim«-Zeichnerin Joelle Jones stilsicher gezeichnet in einem Mix aus franko-belgischer Ligne Claire und zeitgemäßer Experimentierfreude mit Layout und Farbgebung. Offensichtlich ist die Freude an der Gegenüberstellung von pastellenem Familienleben (mit Kindern, Hund und einem schlichten Gatten) und der splitter-mäßigen Schilderung der nicht immer nach Plan verlaufenden Morde.

Und nicht nur bei Blutspritzern und zerstückelten Opfern zeigt sich eine fabelhafte Lust am treffend dargestellten Material und Detail: allein die Strümpfe der Protagonistin sind einen zweiten Blick wert – von den hautfarbenen Nylons der Hausfrau über Feinstrümpfe mit Strapsen bei der Tupperware-Party bis zur Strumpfhose mit Naht im Striplokal… Und vor allem steht die zeichnerische Meisterschaft im Dienst der Story – die Handlung schlägt immer wieder Tarantino-artige Haken und spielt lustvoll mit dem buchstäblichen Zerstückeln der erwartbaren Klischees.

 

Die beiden anständig produzierten Softcover-Bände enthalten zusätzliche Sketchbooks mit Titelseiten, Skizzen und anderen Artworks und Ideen.

Joelle Jones/Jamie S. Rich: Lady Killer | Band 1 | 136 Seiten | Panini Comics

Joelle Jones/: Lady Killer | Band 2 | 136 Seiten | Panini Comics

Fatima liest (schon wieder)

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Fatima liest (schon wieder)

Stefan Gaffory
Wehe, Du schreibst nichts über die Nits
Gonzo 2016

 

Seit Erfindung des Buchdrucks und der beweglichen Lettern war es nicht mehr nur den Gelehrten und Klerikern vorbehalten, ihre Gedanken und Nachrichten mitzuteilen, und zwar – im Gegensatz zum formlosen Gespräch – mit nach Regeln konstruierten Sätzen, die Absichten, Hintergründe oder Tonfall ausdrücken könn(t)en. Eine ähnliche Öffnung geschieht derzeit im Journalismus, der sich in Online-Magazinen, Foren und Blogs zu einer (auch qualitativen) Vielfalt entwickelt, die durchaus ihre Tücken hat, vor allem wenn so etwas dann in Buchform präsentiert wird und nicht gnädigerweise in den Tiefen der Timeline verschwindet.

Ein Buch wie »Wehe, Du schreibst nichts über die Nits« findet man bei Hugendubel auf dem »Young & Crazy«-Tisch neben Stuckrad-Barre und Tommy Jaud. Es versammelt Artikel und Online-Beiträge des Autors bzw. seines Alter Egos King Bronkowitz zu Musikthemen – Plattenbesprechungen, Polemiken und Listen, offenbar bearbeitet und neu zusammengestellt, teilweise auch plötzlich verwirrenderweise aus der Gegenwart kommentiert – und es ist ein Vergnügen, dies zu lesen.

Dem Autor wird in einem der Vorworte ein »Selbstbewußtsein so groß wie der Assuan-Staudamm« bescheinigt, und wenn er ohne Rücksicht auf Verluste oder Fakten vom Leder zieht, dann beeindruckt nicht nur sein Repertoire an derb-zynischen Formulierungen (speziell seine Hoden scheinen ein unversiegbarer Quell der Inspiration zu sein), sondern man spürt in jeder Zeile, daß sich hier eine gigantische Musikbegeisterung mitteilt. Was nicht immer von Vorteil ist.

Gaffory gibt selbst zu, daß er ein Nerd ist. Alben werden hier »erarbeitet«, ständig müssen »Best Of«-Listen seinem ausufernden Jäger-und-Sammler-Drang Struktur geben, und schlichtweg absurde Informationen (»gekauft 2004 im Studio Eins, Karlsruhe«: vielen Dank von den Historikern der Nachwelt!) lassen einen zweifeln, ob man nicht wieder einem seiner sarkastischen Scherze auf den Leim geht. Diese in Foren- oder Blog-Einträgen durchaus sinnvollen Daten und Anekdoten aus dem Autoren-Leben wirken zwischen zwei Buchdeckeln dann doch arg selbstverliebt – der Sprung vom Privaten ins Allgemeine wird viel zu selten gemacht. Und (womit wir beim neuen Online-Journalismus sind:) Substanz kommt leider viel zu kurz. Eine Plattenkritik mit einem Dutzend Zeilen, in denen die Musik und die erste Reaktion des Kritikers beschrieben wird, ist OK für eine Musikzeitschrift, aber in einem Buch, als Teil von »Iggy Pop – Ein Wegweiser durch die Discographie«? (Es gibt da ja immerhin dieses Internet…) Im Gegensatz zu Schreibern wie Jens Balzer (bei dem selbst die mißmutige Schilderung eines Festivalbesuchs zu einer erhellenden Miniatur über Hipster und Hype gerät) wird hier nicht verglichen, nicht versucht zu analysieren, z.B. warum dieser Musiker namens I. Pop von Album zu Album sowohl ewige Klassiker als auch schlechtberatene bzw. mißlungene Werke abliefert, weshalb jemand, der sich als Rebell und eigensinniger Querkopf darstellt, sich offensichtlich bei fast jeder LP von Produzent oder Plattenfirma reinquasseln und sich willig manipulieren läßt… Stattdessen liest man Sätze wie »Dummerweise fällt mir auch sonst zu der Platte nichts Besseres ein.« Aber eine Liste, na klar, und vollständig ist sie auch, na klar.

Bizarr (und natürlich besonders unterhaltsam zu lesen) wird es, wenn Herr Gaffory richtig ausrastet. »Out Of Time« von R.E.M. wird in einem speziellen Artikel in Grund und Boden verdammt (er hat es vor 20 Jahren höchstens dreimal gehört) und nebenbei der verläßlich großartige Malibu-Versand (R.I.P.) gedisst, und Bob Dylan mag der Autor ebenfalls nicht. Allerdings werden keineswegs Dylans Fähigkeiten oder z.B. seine Rezeption bei der Grunge-Generation thematisiert, sondern der Beitrag befaßt sich zur Hälfte mit Bands aus dem Rheinland, die Tom Waits-Songs covern. Das wird diesem Dylan zu denken geben. (Daß der Verlag ausgerechnet diesen lahmen, miserabel konstruierten Text als Leseprobe bei Amazon präsentiert gibt ebenfalls zu denken). (Übrigens: warum soll eigentlich nichts über die Nits geschrieben werden? Reimzwang? Oder sind die längst vergessenen US-Metal-Surfer Nits gemeint, und nicht die holländischen Pop-Exzentriker??)

Nach mehr als 300 Seiten bleibt allerdings der Eindruck, daß der Autor irgendwann bei aller Egozentrik und Gefallen an der eigenen Wichtigkeit die Lust verloren hat: Das Geflecht aus Kommentaren, Einführungen, längeren Zitaten und Fußnoten wird irgendwann undurchdringlich, und wie Mario Barth findet auch Gaffory seine eigenen Witze supertoll, folgerichtig tauchen manche Sätze und Wortwendungen gleich mehrmals auf – da hätte ein Verlagslektor vielleicht mal eingreifen sollen (der dann wohl sichergestellt hätte, daß die eingangs großspurig verkündete Beibehaltung der alten Rechtschreibung – Punk! – auch durchgehalten wird). Aber gut, es wird nirgendwo behauptet, daß man es hier mit einem historisch-kritischen Musik-Fachbuch zu tun hat – das hätte wohl sicher nicht die (man kann es nicht oft genug erwähnen:) beeindruckend-vergnügliche Sprachpower dieses Buches gehabt; immerhin hat die Lektüre dazu geführt, daß längst vergessene Alben von Public Enemy und Sade wieder auf meinem Plattenteller gelandet sind. Aber die Passagen über die Noiserock-Szene, über G.G. Allin, und die Live-Berichte zeigen, daß der Autor durchaus in der Lage ist, originelle, atmosphärisch dichte, begeisternde und gleichzeitig informative Texte abzuliefern. Optional auch mit eingestreuten Hoden-Metaphern.

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Fatima liest

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Fatima liest

Bregje Hofstede
Der Himmel über Paris
C.H. Beck 2015
Beinahe zufällig erlebte ich im Sommer bei einer Veranstaltung im Literarischen Colloquium am Wannsee eine holländische Schriftstellerin. Und kaufte mir am nächsten Tag ihren Roman »Der Himmel über Paris«. So muß das sein.
Das Buch erzählt von einem Kunstprofessor in Paris, einer Studentin, und wie sie sich gegenseitig zunächst in die Quere kommen und sich schließlich ihren jeweiligen Wahrheiten und Herausforderungen stellen. Erzählt wird das aus der Perspektive des etablierten Professors, in einem wunderbar reduzierten Ton, so wie manchmal eine vage Bleistiftskizze mehr von der Realität zeigt als ein farbiges Gemälde. Im letzten Drittel dann werden einige dieser Handlungsskizzen einigermaßen vage und als Leser schwankt man dann zwischen verschiedenen Interpretationen. Hinzu kommt die fragmentarische Schilderung einer Affaire aus der Vergangenheit – und die Essays der Studentin zum Problem des perfekten Kunstwerks, und wie Künstler aus Vergangenheit und Gegenwart sich dieser Herausforderung angenähert haben: wenn ich überzeugt bin, mein perfektes Werk zu schaffen, soll ich es dann vollenden? Ich müßte danach ja aufhören…

»Hast Du es schon gelesen? Das Buch von Balzac, das ich dir gezeigt habe?«
»Ja.« Ein erfreutes Lächeln zeigte sich kurz auf ihrem Gesicht, dann klopfte sie sich an den Kopf.
»Das ist jetzt auch hier drin.«
Er nickte. Er wollte noch etwas sagen, aber sie wandte sich ab. Man konnte nicht behaupten, sie würde atmen. Sie hatte eine spitze Nase, spitzer als Mathildes. Ihr Mund war anders. Und sie schwieg.
Er fühlte sich unbeschwert, er konnte nichts daran ändern. Auf dem Weg zur Metro trällerte er.

Die Geschichte eines älteren Mannes also, erzählt von einer jungen Literatin, sagen Sie, unterbrochen von seitenlangen kunsthistorischen Abhandlungen?
Genau. Aber auch sprachlich eine faszinierende Reise (offenbar kongenial übersetzt von Heike Baryga), mit kleinen Beobachtungen und überraschenden Formulierungen auf jeder Seite.

Alles, wovor er Angst hatte, ist endlich passiert.

Schließlich ist überhaupt nicht mehr sicher, welchen Schilderungen man glauben soll – den Charakterisierungen des Erzählers, den Handlungen und Ausbrüchen der Personen, oder dem Leben selber und wie sich die Schicksale entwickeln. Also auch eine Meditation über Erfahrungen, Begegnungen und Erinnerungen, und wie sie unsere Entscheidungen (oder das, was wir dafür halten) beeinflussen. Ein unglaubliches Buch, wie eine Frau Bakker bereits erkannte.

lesehimmel

Radio Radio

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Radio Radio

Nach ein paar Wochen Abwesenheit ist es ja vielleicht zu erwarten, daß man dann gleich sechs Anfragen vorfindet, ob man nicht vielleicht etwas zum Thema Burqa zu sagen hätte (»gerne auch was provokantes…!«) – zum Glück hat sich das Thema zumindest für die Tagespresse wohl inzwischen erledigt. Was aber schmerzt ist der (zugegeben: angekündigte) Niedergang meines ehemaligen Lieblings-Radiosenders.
Nun hat Funkhaus Europa also die lange angedrohte Programm-Reform umgesetzt. Schaltet man jetzt am Vormittag ein fällt als erstes auf, daß der geneigte Hörer jetzt geduzt wird. Supersache: da kann man der Sender-Hörer-Bindung ja kaum entgehen.
Außerdem sind die armen Moderatoren jetzt offenbar per Arbeitsvertrag gezwungen, beim Mikrofon-Wechsel exakt zwei Minuten bemüht kumpelhafte Privatplaudereien auszutauschen. Man erfährt also von der grauenhafte Quälerei, daß die öffentlich-rechtlich bezahlte Sprecherin tatsächlich (»Katastrophe: unser Fahrstuhl ist heute außer Betrieb!«) die Treppe zur zweiten (!) Etage zu Fuß bewältigen mußte. Oder der Moderator letzte Nacht vom Fliegen geträumt hat. Richtig peinlich wird es, wenn die armen Nachrichtensprecher  – die offensichtlich keine Schulung in sinnloser Quasselei absolviert haben – in so eine Maßnahme miteinbezogen werden.
Viel schlimmer als solche durchschaubaren Marketing-Kindereien sind die ständigen Hinweise, doch bitte-bitte eine WhatsApp-Meldung abzusetzen, das Programm bei Facebook zu »liken« und sich an ominösen Twitter-Diskussionen zu beteiligen. Das kennt man ja von werbe-finanzierten Privatsendern: es soll natürlich Blicke und Clicks für die Werbekunden herbeiführen. Aber wieso ein öffentlich-rechtlicher, angeblich »werbefreier« Sender soviel Wert auf sinnlose Sympathiebekundungen legt ist unklar. Ob der Sender und sein Programm erfolgreich sind, wird einerseits durch Marketingfirmen und Umfragen objektiv festgestellt, und sollte andererseits schlichtweg egal sein: die Finanzierung ist (durch die Pauschal-Abgaben des Bürgers) gegeben, und man könnte einfach den selbstgesetzten »Sende-Auftrag« erfüllen. Und zusätzlich gibt es dann ständig Aufrufe, doch anzurufen und seine Meinung zum »Thema des Tages« kundzutun – hier hat man dann die üblichen von der Autobahn gelangweilten Autofahrer (alternativ: die ebenso gelangweilte junge Mutter von zuhause) auf Sendung, die belanglose Statements oder Stammtisch-Parolen ablassen. Echt journalistischer Content kommt dann von der »Social Media-Expertin«, die allen Ernstes Twitter-Kommentare und »Facebook-Shitstorms« vom Vortag vorliest. Was denn nun eigentlich – macht Ihr Radio oder ein Social Media-Portal im Internet? Dieses ganze Vermischungs-Geschwurbel erinnert an die Zeiten, als Fernsehsender es für eine gute Idee hielten, Fernsehshows über »dieses Internet« zu machen, in denen Thomas Gottschalk vom Bildschirm abgefilmte Websites kommentierte. Wo ist Tiger aus Kreuzberg wenn wir ihn brauchen?
Natürlich gibt es in diesem Möchtegern-Multimedia-Irrsinn Inseln der Ruhe, in denen der gesunde Menschenverstand zählt – Ulrich Nollers Buchempfehlungen sind weiterhin Programm-Höhepunkte.
Und – man mag es kaum glauben: ab 18 Uhr gibt es »Soundcheck« (die verschiedenen Sendungen zwischen 6 und 18 Uhr heißen offenbar alle »Cosmo«…selbst die Hörzu ist sich da nicht sicher). »Soundcheck« sind zwei Stunden Musikprogramm, meistens moderiert von den verlässlichen Damen Anna Bianca Krause und Siham El-Maimouni, und das ist meistens ein ungetrübtes Vergnügen. Zwar tauchen unvermeidlicherweise gelegentlich die Playlist-Favoriten des durchgeknallten Musikchefs Francis Gay auf, der nun wirklich auf jeden Promo-Zettel hereinfällt (was dazu führt, daß sich mal eben eine Woche lang jeden Tag eine unterdurchschnittliche US-Indieband vorstellen darf, die ihre »World Music«-Einordnung möglicherweise nur der Erwähnung von Fela Kuti in einem High School-Interview verdankt), und natürlich werden die Funkhaus-Europa-Hausmusiker Gentleman und Patrice bei jeder unpassenden Gelegenheit promotet, aber hey: das ist Radio und kein Logarithmen-gesteuertes Streaming-Angebot; man muß nicht alles gut finden um sich kurzweilig und inspiriert unterhalten zu lassen.
Im Endeffekt ist aber der tolerierbare Teil des Programms auf zwei Stunden täglich geschrumpft. Was zumindest bei mir und meinen Nachbarn und Kollaborateuren dazu geführt hat, mehr (wir sind ja in Berlin:) Flux-FM zu hören. Ja klar – das ist ein kleiner kommerzieller Familiensender, der aber kein Hehl daraus macht (und auch seine Promotionaktionen nicht verschleiert), und vor allem: Musik ist da keine Nebensache (ist sonst auf der Welt noch jemand on air, der die Housemartins oder Ton Steine Scherben auf der ständigen Playlist hat?).
Der faule Winson könnte allerdings durchaus jeden Nachmittag die »Morning Show« machen.

07-morning-radio

Fatima liest

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Fatima liest

Monika Zeiner
Die Ordnung der Sterne über Como
Blumenbar/Aufbau Verlag 2013

Ich könnte es mir einfach machen und den kompletten Klappentext abschreiben – denn da stimmt jedes Wort, nicht zuletzt: »Berlin und Italien, Schwermut und Leichtsinn, die lauten und die leisen Töne – dieser Roman ist voller Musik.«

Was sich da als leichte Beziehungsgeschichte präsentiert ist eines der schönsten Bücher der letzten Jahre (auch im wörtlichen Sinne: der Einband der gebundenen Ausgabe hat ertastbare Überraschungen…). Der melancholische Pianist Tom hat sich von seiner Frau getrennt und tourt mit einer kleinen Jazzband durch Italien, wo er hofft, seine große Liebe aus Studentenzeiten wiederzusehen. Und vielleicht zu erfahren, warum er seinen besten Freund verlor.
Toms Gedanken und Monologe wechseln ab mit prägnanten Schilderungen seiner Freunde, Lehrer und Förderer, und alle werden sie lebendig durch einen Schreibstil »mit dieser Gerechtigkeit, jenseits aller Klischees…«, wie ein Kritiker schreibt. Der Roman beginnt zwar mit einer faszinierenden Selbstmord-Elegie, schildert aber in der Folge gekonnt auch skurrile, sarkastisch/satirische und träumerisch romantische Szenen.

Und vor allem: die Musik! Seitenlang werden Toms Klavierspiel und seine Improvisationen beschrieben, in einer beeindruckend ausdrucksstarken Sprache entsteht hier Musik in der Vorstellung des Lesers, mal jazzig aggressiv, dann verspielt sich verlierend in einer kollektiven Impression.


»Seine Hände nähern sich den Tasten, werden magnetisch angezogen von diesen Tasten, die sich von selbst senken in einer Ordnung, dass durch das Wunder der Verwandlung jene Melodie abermals entsteht, die sie am italienischen Abend in der Feinkostabteilung des Einkaufszentrums unter anderem gespielt haben…und Tom lächelt, als er hört, wie der Kontrabassist, einer, der heimlich Jazzplatten zwischen Messiaen und Stockhausen herumstehen hat, mit einem ansteigenden Lauf einsetzt, während Ulli beginnt, mit den Besen über das Fell zu streicheln. Dann nimmt die Melodieführung Anlauf und …erreicht mit einem Seufzer den Gipfelpunkt, eine Aussichtsplattform hoch über dem Ligurischen Meer an einem Regentag ohne Touristen, und segelt verhalten wieder hinab zur Grundtonart und zum letzten a Portofino… I found my love.«

ComoSterne


Speziellen Dank auch an die unbekannte Buchhändlerin, die eines Tages beim Funkhaus Europa-Radio anrief um irgendwas zu gewinnen und von der Moderatorin ermutigt wurde, kurz ihr derzeitiges Lieblingsbuch zu empfehlen. Das tat sie dann mit zwei oder drei so beeindruckenden Sätzen, daß ich gleich am nächsten Tag »Die Ordnung der Sterne über Como« gekauft hatte – und es inzwischen auch mehrfach Freunden als Geschenk aufgedrängt habe. Also Leute, hört öfter mal Radio – und Euer Leben wird bereichert.

Fatima liest

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Fatima liest

Kesel/Dodson/Rousseau: Harley Quinn
200 Seiten, Eagle Moss Collections

Es gibt seit einiger Zeit eine »DC Comics Graphis Novel Collection«, in der jede Woche ein solides Buch mit einer längeren Story aus dem Archiv von DC Comics erscheint – also mit Superman, Batman, Wonder Woman und anderen Figuren aus dem unüberschaubaren DC-Universum. Bester Band bisher: »Harley Quinn«.
Quinn 3
Harley Quinn ist (je nach Perspektive) Freundin, Erzfeindin oder Stalkerin des Batman-Bösewichts Joker. Der Band »Flachwitze und andere Katastrophen« erzählt ihre Geschichte und verschiedene ihrer bizarren Versuche, sich mit dem Verbrecherclown und Batman anzulegen. Die Story erschien erstmals 2001, und der grafische Stil ist eine brillante Mischung aus einem sauberen Strich, großartiger Farbgebung und digitalen Effekten. Da gibt es rasante Perspektivwechsel, wahnwitzige Blickwinkel und eine atemberaubende Farbstimmung. Ganze Kapitel haben spezielle Lichtverhältnisse, vom grellen Neonlicht bei einer Kostümpary bis zum schummrigen Dunkel eines Lagerschuppens am Hafen.

Quinn 2

Auch die Erzählweise ist einfallsreich wie Harley Quinn selber und arbeitet mit Rückblenden, schnellen Szenenwechseln und unterschiedlichen Erzählperspektiven. (Die Geschichte an sich ist natürlich die übliche Superhelden-Schnurre, mit irrsinnigen Kehrtwendungen, pseudo-realistischen Begründungen und der undurchsichtigen hauseigenen Parallel-Universums-Theorie von DC.)
Wie bei den anderen Bänden der Reihe gibt es eine kurze Einführung, Biografien der Texter und Zeichner, eine zusätzliche Kurz-Story aus dem Archiv sowie Abbildungen der Originalcovers. Alles in allem eine perfekte Edition.
Quinn 1
Wenn da nicht die seltsamen Qualitäts-Schwankungen der deutschen Bearbeitung wären. Nachdem ein Band zwei Wochen verspätet ausgeliefert wurde (angeblich wegen Schwierigkeiten beim Korrekturlesen…) gab es dann einige Probleme. Die beiden Justice League-Bände (»Das erste Jahr«) haben teilweise unleserliches Lettering ohne Wortzwischenräume und Satzzeichen, und der Flash-Band präsentiert eine Maschinen-Übersetzung, die so hirnrissig ist (»Wie bin ich so schnell geworden? Ob du es glaubst oder nicht, haben elektrifizierte Chemikalie mir gespritzt.«) daß man zunächst an einen bewussten Erzähltrick glaubt. Die anderen Bände dagegen – vor allem die Superman- und Batman-Stories unter den ersten zehn Bänden – glänzen mit einfallsreich übersetzten Dialogen und gelungen eingedeutschten Spitznamen und Flüchen.

Etwas über Bullet Bras

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Etwas über Bullet Bras

Nachdem anderswo bereits viel Lobendes über den Bullet Bra geschrieben wurde, bleibt mir nicht mehr viel hinzuzufügen. Natürlich muß man die überspitzte (haha) Madonna-Variante erstmal vergessen, und ich selber habe schon lange keine Ambitionen mehr, als Fifties ‘Sweater Girl’ herumzulaufen.
Aber beim Packen für die letzten Reisewochen merkte ich, daß im Koffer eigentlich kaum andere BH-Varianten waren – und ich hatte vor allem nach Bequemlichkeit ausgesucht. Im Laufe der Zeit habe ich mir einige dieser Büstenhalter angeschaft; die meisten davon Originale aus den 50er und 60er Jahren, bei denen die Brüste unweigerlich in hervorragende, spitze Formen gebracht werden. In der Tat sind besonders die Vintage-Modelle (aber auch moderne Versionen von z.B. What Katie Did) überaus raffiniert konstruiert, mit breiten Trägern, Unterbrustband und durchdachten Einlagen – was besonders dem Rücken und der Körperhaltung zugutekommt.

Bullet 4
Und was die überspitzte, ‘unnatürliche’ Form angeht: was sind schon natürliche Formen! Mir gefällt es, daß (wie frau so schön sagt) die beiden Mädels gut verpackt sind; da rutscht kein Träger, und alles bewegt sich da, wo es sich bewegen soll.
Für mich ein weiterer Vorteil: auch bei weiten, fließenden Gewändern entsteht eine schöne Silhouette, was man mit dem Kopftuch sehr schön akzentuieren kann.
Und das Wichtigste: ob im Business-Dress oder im Abaya, selbst bei der Fahrrad-Tour mit Biker-Jacke fühlte ich mich gut und sexy.

Bullet 2Bullet 1Bullet 3Bullet 5

Fatima’s reading!

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Fatima’s reading!

I must admit I’ve had my problems lately with EXBERLINER magazine – what started as a nicely ironic fanzine for English-speaking Berliners is nowadays filled with more and more smug articles along the lines of »Look how weird life is in Germany«, decorated with their omnipresent Third Reich references (they even had a few Hitler jokes in a recent column about yet another lame shopping mall in the city).

But the new issue, focussing on »The Many Faces Of Islam In Berlin«, is an entertaining read from cover to cover. Covering politics, lifestyle, religion and much more, this is the EX-B at its best, reporting and illustrating what’s going on, with a fresh look at details and an eye for the curious and often strange reality. Burqini shopping advice? Check. Drunk hippie punks in a mosque? Check. Gangsta Jihadists? Check. Muslim chick lit? Check. Especially good: the article on „Holy Hijab – To Cover Or Not To Cover“. A quote from one of the Muslimas interviewed, „I’ll wear it now precisely because you don’t want me to.“

Their sex-advice column is utter nonsense though; but anyway, maybe I should pay more attention to the mag again. And I bet you can still do the „Exberliner Drinking Game“(*)

Fatima Berliner

By the way, apropos wearing the hijab, here’s a brilliant (and funny) list of reasons why. Thank you, ahdmshaker!

(*) When I worked at the Design Agency their Ad people sometimes used to do this: drink a shot of Tequila for every Nazi joke or reference in the EXBERLINER – you sure feel rather tipsy by the time you reached the last page. 😉