RSS-Feed

Schlagwort-Archive: Diskretion

Gute Nachbarn

Veröffentlicht am
Gute Nachbarn

Es versteht sich von selbst daß beim Drumherum meiner (wie auch immer) erotischen Unternehmungen auf angemessene Diskretion geachtet wird. Für Nachbarn und Passanten soll es dann eben die Haushälterin, Kollegin oder Putzfrau sein,  die da für eine Weile hinter einer Haus- oder Wohnungstür verschwindet… und mit Kopftuch und langem Mantel beachtet mich in dieser Stadt sowieso kaum jemand.

Es gab aber auch gelegentlich Situationen mit überraschenden Aspekten, und daran wurde ich erinnert als ich vor ein paar Wochen bei einer Blogger-Kollegin las, wie ein älterer Nachbar in ihrem Haus plötzlich bemüht freundlich ist und ihr »zufällig« ständig über den Weg läuft. Da liegt heutzutage der Gedanke nah an perverse Stalker und dunkle Geheimnisse hinter der Fassade der Normalität. Ich selber jedoch wurde erinnert an den »Hausmeister« und die Überraschung die mich in seiner Wohnung erwartete.

Ich hatte damals Dates mit einem Herrn im dritten Stock eines ziemlich anonymen Wohnblocks: hunderte Klingelknöpfe, ständiges Kommen und Gehen, Graffiti auf den Briefkästen… Und immer wieder begegnete mir ein Mann, den ich aufgrund seiner Erscheinung (Overall, Werkzeugkoffer) für so eine Art Hausmeister hielt. Schon bald schien er sich an mich zu erinnern und versuchte dann immer mal, ungeschickt ein Gespräch anzufangen – »Na, wieder mal hier…?« Ich bemühte mich, nicht unfreundlich zu sein, blieb aber wortkarg.

Nun gehörten, sozusagen zur Einstimmung, zu meinen Pflichten dort im dritten Stock auch kleinere Haushaltsdienste, und irgendwann hatte ich dann wegen eines Schlüssels an der »Haustechnik«-Tür im Erdgeschoß zu klingeln, und es öffnete mir – natürlich! – mit einem schiefen Grinsen der »Hausmeister«. Das hatte mir gerade noch gefehlt: trug ich doch schon meine Dienstkleidung, bestehend u.a. aus halbgeöffnetem Arbeitskittel und enger, unübersehbar prall gefüllter Bluse. Er ließ sich, zugegebenermaßen, nichts anmerken und bat mich kurz einzutreten, während er nach dem Ersatz-Schlüssel zur Waschküche suchen wollte. 

Vom engen Eingangsbereich konnte ich ins angrenzende Wohnzimmer sehen; und wäre fast in Ohnmacht gefallen. Nicht nur war dort, zwischen Bauhaus-Möbeln und Büchern, eine ganze Wand mit einem Plattenregal gefüllt, auf dem Boden davor standen unverkennbar LPs von den Byrds, Hannes Wader, Ernest Tubb und (wirklich??!) Hank Snow! Der gute Mann bemerkte mein Erstaunen – und ich sah ihn plötzlich mit ganz anderen Augen. »Sagen Sie, sind das etwa Originale, diese Platten da drüben…?«

Jetzt war er es der offenbar eine Überraschung erlebte. »Jetzt sagen Sie bloß Sie kennen sich aus…« schmunzelte er. »Ich hab das ja nur auff CD, aber die eine sieht mir doch stark nach einer amerikanischen RCA-Pressung aus, von Hank Snow…« Im Nu waren wir in ein quasi-Fachgespräch vertieft – und ich mußte daran erinnern, daß doch dringende Aufgaben auf mich warteten, oben im dritten Stock. »Sicher, sicher… aber kommen Sie ruhig mal wieder vorbei. Für meine Platten hat sich hier noch keiner interessiert.«

Mich hingegen hatten die nächsten zwei Stunden andere Pflichten zu interessieren, und die Schätze in der Hausmeister-Wohnung kamen mir erst wieder in den Sinn, als ich auf dem Heimweg im Erdgeschoß den Fahrstuhl verließ, müde aber irgendwie auch aufgekratzt von dem Erlebten. »Was solls…« dachte ich und klingelte. Wieder dieses wissende Schmunzeln als er aufmachte. »Sie sehen aus als könnten Sie einen Kaffee vertragen.«

Es stellte sich schnell heraus daß es uns beiden Spaß machte, real (und nicht in Internet-Foren oder Ähnlichem) über Musik und alles andere zu plaudern, unbeeinflußt von persönlicher Bekanntschaft, Freundeskreis oder Beruf – als Fremde sozusagen. Er war Lokführer bei der S-Bahn gewesen, jetzt im Vorruhestand, und ich konnte ein paar Dinge loswerden über meine »dienstlichen« Exkurse, die ich mit Freundin oder Familie kaum besprechen konnte (bzw.: wollte). So trafen wir uns also öfter, fast regelmäßig.
(Und ich erfuhr, daß man mich im Haus wahlweise für die Tochter oder die Ex-Frau des Mieters im dritten Stock hielt… gelungene Diskretion!) Ein paar Jahre ging das so, mit kleineren und größeren Pausen; aber nach einem Krankenhaus-Aufenthalt – bei meinen Besuchen hielt man nun mich (!) für seine Ex (!!) – und Reha verloren wir uns leider aus den Augen. Vielleicht sollte ich einfach mal sehen wie es ihm geht…


Zum Schluß eine Warnung: Fräuleins und Frauen, liebe Liebende – das hier Beschriebene ist nicht zur Nachahmung gedacht. Benutzt in ähnlichen Situationen (»Kommense doch rein…«) gefälligst den eigenen Grips. Aber wie der gute Ernest Tubb zu sagen pflegte: »Sei gut zu deinen Nachbarn, dann hast du immer gute Nachbarn.«